Erklärung „Hoffnung für einen gerechten Frieden in Palästina und Israel“ des ÖRK-Exekutivausschusses, der vom 20. bis 25. November 2025 in Hangzhou, China tagte.
25 November 2025
Dass Treue auf der Erde wachse
und Gerechtigkeit vom Himmel schaue.
Psalm 85,12
Der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) nahm die Verkündung einer Waffenruhe in Gaza und die Freilassung von Geiseln und Gefangenen mit großer Erleichterung zur Kenntnis. Doch diese Erleichterung sieht sich durch die weiteren Entwicklungen in Gaza sowie die Verschärfung der Krise im Westjordanland – insbesondere aufgrund der zunehmenden Angriffe durch radikale zionistische Siedler, die fast vollständige Straflosigkeit genießen – durch Ungewissheit und Sorge getrübt.
Der ÖRK-Exekutivausschuss besprach die aktuelle Lage in der Region an seiner Tagung vom 20. bis 25. November 2025 in Hangzhou, China mit gemischten Gefühlen.
Rechenschaft und Strafverfolgung
Der Exekutivausschuss bekräftigt, dass es ohne Gerechtigkeit keinen Frieden geben kann und dass es unabdingbar ist, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen, um Raum für Heilung und Versöhnung zu schaffen. Die gezielten Angriffe auf Zivilpersonen, die Blockierung humanitärer Hilfe, das Aushungern als Kriegsmethode, die Zerstörung von Krankenhäusern, Schulen und Wohngebäuden sowie die Benutzung von Zivilpersonen als lebende Schilde sind schwere Verstöße gegen die Vierte Genfer Konvention und gelten im Rahmen des Völkerrechts als mutmaßliche Gräuelverbrechen.
Wir berufen uns auf die vorläufigen Maßnahmen, in denen der Internationale Gerichtshof (IGH) anordnete, dass Israel völkermörderische Handlungen zu verhindern und den Zugang zu humanitärer Hilfe zu gewährleisten habe, und wir bekräftigen erneut, dass diese Urteile rechtlich bindend sind. Des Weiteren muss die Durchführung der laufenden Ermittlungen durch den Internationalen Strafgerichtshof (IStGH) wegen mutmaßlicher Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit von Seiten Israels und der Hamas ohne Behinderung, politische Einmischung oder unterschiedliche Bewertungsmaßstäbe gewährleistet werden.
Daher fordert der Exekutivausschuss, dass
- alle Vertragsstaaten der Genfer Konventionen ihrer Verpflichtung nachgehen, die Einhaltung des humanitären Völkerrechts zu gewährleisten;
- alle Regierungen mit dem IGH und dem IStGH uneingeschränkt zusammenarbeiten, um die Strafverfolgung zu ermöglichen und alle Tatpersonen ungeachtet ihrer Nationalität und ihres Status zur Rechenschaft zu ziehen;
- der Straflosigkeit radikaler Siedler, die im Westjordanland schwere Angriffe auf Palästinenserinnen und Palästinenser und deren Besitz verüben, ein Ende gesetzt wird;
- Kirchen sowie ökumenische und interreligiöse Partner sich für eine wahrheitsgetreue Gerechtigkeit einsetzen, Opfer begleiten und gegen Diskurse vorgehen, die Straflosigkeit rechtfertigen.
Humanitäre Hilfe und Wiederaufbau
Die Menschen in Gaza sind noch immer mit Zerstörung und Verzweiflung konfrontiert. Tausende Familien sind noch immer vertrieben; die Infrastruktur wurde verwüstet; der Zugang zu Nahrung, Wasser, medizinischer Versorgung und Unterkünften bleibt äußerst eingeschränkt. Der Exekutivausschuss drängt auf eine unverzügliche und bedingungslose Aufhebung aller Blockaden und Beschränkungen humanitärer Hilfe.
Der Exekutivausschuss bekräftigt erneut die Unterstützung durch den ÖRK der grundlegenden Rolle der UNRWA bei der Gewährleistung humanitärer Hilfe und Unterstützung palästinensischer Geflüchteten in Gaza und im Westjordanland. Sie erfüllt dabei Aufgaben, die in den Verantwortungsbereich Israels als Besatzungsmacht fallen, von Israel aber nicht erfüllt werden.
Der Wiederaufbau des zerstörten Gaza darf kein Kontroll- oder Abhängigkeitsmechanismus werden. Würde, Gerechtigkeit und Selbstbestimmung sind die Prinzipien, die den Wiederaufbau leiten müssen. Der Prozess muss unter der Leitung und Bestimmung der Palästinenserinnen und Palästinenser persönlich im Austausch mit legitimen, demokratisch gewählten palästinensischen Behörden sowie mit der Zivilgesellschaft und mit der aktiven Teilhabe von Frauen, jungen Menschen und lokalen Religionsgemeinschaften stattfinden. Internationale Partner müssen sich zur Einhaltung eines Rahmens verpflichten, der einen auf Gerechtigkeit basierenden Wiederaufbau gewährleistet, durch den humanitäre Hilfe und Wiederaufbaumaßnahmen in anhaltendem Frieden münden und nicht in einer neuen Besatzung oder Ausbeutung.
Verwaltung und Zukunft Gazas und Palästinas
Der Exekutivausschuss betont, dass Gazas Zukunft nicht durch externe Mächte bestimmt werden darf. Die Verwaltung von Gaza und allen palästinensischen Gebieten muss das unveräußerliche Recht des palästinensischen Volkes auf Selbstbestimmung, Einheit und Souveränität widerspiegeln. Jegliche Vorlagen und Pläne, die eine erneute Besatzung, Vertreibung oder externe Kontrolle Gazas beinhalten, sind unannehmbar und im Widerspruch mit dem Völkerrecht.
In dieser Hinsicht hegt und betont der Exekutivausschuss ernste Bedenken über die kürzlich angenommene Resolution 2803 des UN-Sicherheitsrats, die den von der USA vorgeschlagenen und von Israel und der Hamas gebilligten (und von der Palästinensischen Autonomiebehörde begrüßten) Friedensplan unterstützt, insofern, als dass dieser Friedensplan weiterhin die Palästinenserinnen und Palästinensern ihrer Handlungsfreiheit und Selbstbestimmung beraubt und von einigen Stimmen mit einem Mandat für eine erneute Kolonisierung und Besatzung gleichgesetzt wird. Andererseits anerkennen und würdigen wir die Tatsache, dass dieser Plan und die unterstützende Resolution ein Ausdruck der Ablehnung der internationalen Gemeinschaft bezüglich der Vertreibung der palästinensischen Bevölkerung von Gaza darstellt, einen Rahmen für die Anerkennung eines palästinensischen Staates bietet und insbesondere einen Waffenstillstand bestätigt – auch wenn Palästinenserinnen und Palästinenser in Gaza noch immer beinahe täglich getötet werden.
Der Exekutivausschuss betont erneut die Erklärung des ÖRK-Zentralausschusses zu Palästina und Israel vom Juni 2025, in der die Apartheid, Besatzung und Straflosigkeit verurteilt und als Verstoß gegen das Völkerrecht und das moralische Gewissen bezeichnet werden. Wir wiederholen, dass nur ein Ende der Besatzung, die Achtung des Völkerrechts und die Anerkennung der gleichwertigen Würde und Rechte von Palästinenserinnen und Palästinensern sowie Israelis einen gerechten und nachhaltigen Frieden ermöglichen kann.
Ein theologisches und moralisches Gebot
Als globale Kirchengemeinschaft steht der ÖRK an der Seite aller Leidenden und all jener, die einen gerechten Frieden suchen. Unser Glaube ermahnt uns, den Mächtigen die Wahrheit zu sagen und uns auf die Seite der Unterdrückten zu stellen, so wie Jesus sich einst auf die Seite jener stellte, denen ihre Würde und Hoffnung versagt wurde. Die Not in Gaza ist nicht nur eine politische und humanitäre Krise, sie ist für die Menschheit eine moralische und geistliche Herausforderung.
Der Exekutivausschuss betet für die Opfer und Überlebenden, für die Trauernden und jene, die noch nach ihren Vermissten suchen, und für all jene, die tatkräftig Hilfe leisten und das, was zerstört wurde, zu wiederaufbauen suchen. Wir drängen alle Kirchen weltweit, im Gebet und in ihrer Advocacy- und seelsorgerischer Arbeit standhaft zu bleiben, bis Gerechtigkeit und Frieden in das Land einzieht, in dem Christus persönlich wandelte.
Wir nehmen die Aussagen der Christinnen und Christen in Palästina wahr, die im kürzlich veröffentlichten zweiten Kairos-Palästina-Dokument Ausdruck fanden:
Wir erneuern unsere Botschaft des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe und bieten eine vom Glauben geprägte Zukunftsperspektive für die Zeit nach dem Genozid, der ethnischen Säuberung und der Vertreibung, die sich in den vergangenen 2 Jahren vor den Augen der ganzen Welt zugetragen haben …
Wir verpflichten uns dazu, uns für das Gute in diesem Land und für die gesamte Menschheit auf Basis unserer gemeinsamen Menschlichkeit einzusetzen, bis wir in unserem Land in Freiheit und Gemeinschaft mit allen Bewohnerinnen und Bewohnern dieses Landes, in wahrem Frieden und Versöhnung auf Basis der Gerechtigkeit und Gleichheit für die gesamte Schöpfung Gottes leben können, wo „Güte und Treue einander begegnen, Gerechtigkeit und Friede sich küssen“. (Psalm 85,11)
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