Der Artikel „Ostermarsch“ in der ein wenig troll-anfälligen Wikipedia lässt dessen Geschichte mit dem Jahr 2022 enden. Das letzte Wort hat dort das Politiker-Bashing, Ostermarschierer seien „die fünfte Kolonne Putins“. Tatsächlich drohte die mit der sog. Zeitenwende massiv entfachte antipazifistische Propaganda die Friedensbewegung in Deutschland zu spalten und nachhaltig zu schwächen. Vier Jahre später darf man feststellen: Sie hat sich davon erholt. Die älteste pazifistische Kundgebungstradition geht ungebrochen weiter. Und sie lässt sich in ihrer Themenwahl nicht domestizieren, auch nicht durch „Friedensforscher“, die raten, den Völkermord an den Palästinensern besser nicht anzusprechen. Dass die Ostermärsche immer schon einen dezentralen Charakter hatten, erweist sich als Stärke. Es bedarf keiner zentralen Agenda mit ausgehandelten Aufruftexten. So zeigte sich 2026 eine breite Bewegung mit unterschiedlichen regionalen Traditionen, Akzentsetzungen und Veranstalterprofilen.
Die DNA der Herkunft aus der „Kampf dem Atomtod“-Bewegung ist überall feststellbar und konkretisiert sich heute als Forderung, Deutschland solle dem Atomwaffenverbots-Vertrag beitreten und die sog. nukleare Teilhabe aufkündigen. Die langjährige Initiative am Atomwaffenstandort Büchel hat eine entsprechendes Grußwort für alle Ostermärsche formuliert. Die Atomkriegsgefahr betonen naturgemäß Redner von ICAN und den Ärzten für Verhütung des Atomkrieg (IPPNW), als ein Beispiel Dr. Helmut Lohrer in Freiburg. Als Element einer breiten Verabredung von Friedensorganisationen kommt die Warnung vor einer Stationierung neuer amerikanischer Mittelstrecken in Deutschland, verabredet noch von der Ampelregierung, in vielen Reden vor.
Ein traditionelles Element in den meisten Reden ist weiterhin die pazifistische Grundüberzeugung, dass Kriege grundsätzlich zivilisationsunwürdig und inakzeptabel sind und ihre Vorbereitung durch Hochrüstung niemals dem Frieden dienen kann – dem Pistorius-Diktum von der Kriegstüchtigkeit wird daher rundherum die Friedensfähigkeit entgegengesetzt. Damit eng verbunden ist die Unterstützung der Kriegsdienstverweigerung, die durch die anvisierte Wehrpflicht hohe Aktualität bekommen hat, s. den Beitrag von Benno Fuchs (DFG-VK) auf dem Ostermarsch Rhein-Ruhr in Herne. Es beginnt eine Vernetzung mit den betroffenen jungen Leuten, auf deren Schülerdemonstrationen öfter verwiesen wird, in Wiesbaden sprach ein Vertreter von ihnen.
Ein weiteres verbindendes Element ist das Insistieren auf Völker- und Menschenrecht und der Protest gegen die Versuche, die Vereinten Nationen zu demontieren, am Krudesten durch die USA und Israel. Als völkerrechtswidrig bezeichnet wird dabei sehr wohl der russische Krieg gegen die Ukraine, aber ebenso NATO-Kriege und die aktuellen israelischen und US-amerikanischen Kriege. Die Forderung an die Bundesregierung ist rundherum die, Schluss zu machen mit ihrer Doppelmoral und sich mit Konsequenzen auf den Boden des Völkerrechts zu begeben: Ramstein schließen! EU-Assoziierungsabkommen mit Israel aussetzen! Als ein Beispiel von vielen sei die Rede von Martin Singe in Bonn angeführt, der juristische Schritte versucht. Singe ist Theologe und Pax-christi-Mitglied.
Ukraine und Nahostsind die aktuellen Kriegsherde, die am meisten angesprochen wurden. Gegen die deutsche Staatsräson nannten viele Reden die Handlungen des Staates Israel beim Namen: Genozid an den Palästinensern. Bei Russlands Krieg gegen die Ukraine liegt der Akzent darauf, dass er endlich beendet wird und unsere Regierung die Diplomatie stark macht, statt sich als Kriegspartei in einem Zermürbungskrieg zu engagieren, der endlose Opfer auf beiden Seiten fordert.
Mitunter fokussierte einer unter mehreren Rednern/ Rednerinnen sich auf ein Thema. Am Ort der größten palästinensischen Community kam entsprechend Basam Said in Berlin zu Wort. Brandaktuelle Aufklärung lieferte der Kurde Nihal Bayram in Wiesbaden zu dem Anfang der Woche von Kanzler Merz empfangenen syrischen Machthaber Ahmed al-Scharaa
Zum Ukrainekrieg gab es exzellente Reden, die gegen mediale Bedrohungsmärchen und antirussische Feindbildpropaganda historische Erinnerung, Nachdenklichkeit und Perspektivwechsel setzten: Im Städtchen Alpirsbach lieferte Ulrich Bausch dafür ein Paradebeispiel, in Bielefeld, nahe dem Friedhof Stukenbrock für ermordete sowjetische Kriegsgefangene, war es nach Heinrich Albertz und Margot Käßmann der Pfarrer Bertold Becker, der sich dem Thema widmete.
Kaum eine Ostermarschveranstaltung, in der nicht auch die umwelt- und sozialpolitischen Folgen der Aufrüstungspolitik Thema gewesen wären. Sehr begrüßenswert, dass sich hier und da auch die Gewerkschaften beteiligten, obwohl sie vor der Lockung stehen, verlorengehende Arbeitsplätze könnten von der boomenden Rüstungsindustrie aufgefangen werden. Dazu zwei Stimmen: Thilo Hartmann, Gewerkschafter der GEW in Frankfurt, und Jens Schäfer, Gewerkschafter der IG Metall in Braunschweig.
Manche Beiträge auf den Ostermarschkundgebungen entsprachen weniger dem Genre Demo-Rede und mehr einem kompakten geopolitischen Referat, jedenfalls so, wie sie schriftlich vorliegen. Dann ist es umso wichtiger, ihre Analysen und Handlungsempfehlungen in Ruhe nachlesen zu können. Drei seien herausgegriffen: Jürgen Grässlin in Freiburg, Christoph Butterwegge in Bremen und, last not least, die Rede unseres FFE-Mitglieds Ulrich Duchrow in Heidelberg.
Auf der Seite von Netzwerk Friedenskooperative sind insgesamt 120 Redebeiträge der diesjährigen Ostermärsche zusammengetragen. Dieser Artikel versucht einen ersten Eindruck und Überblick zu vermitteln und legt Wert auf Unvollständigkeit. Zu zeigen war: Die Ostermärsche sind quicklebendig. Totgesagte leben länger. M.J.
