Editorial von Dietrich Becker-Hinrichs
Liebe Leserinnen und Leser,
Viele warten wahrscheinlich schon auf diesen Rundbrief. Schließlich liegt unser letzter Studientag 7 Monate zurück und es war immer guter Brauch, dass die Hauptreferate des Studientags im nächsten Rundbrief abgedruckt werden. Personell hat sich ja einiges verändert beim Forum Friedensethik und wir mussten unsere Zuständigkeiten erst mal neu sortieren. Nun aber ist er da, der neue Rundbrief!
Das Referat von Jacqueline Andres von IMI zum Thema Klimakiller Militär hat uns vor Augen geführt, welch große Rolle das Militär bei der Freisetzung von Kohlendioxid und beim Verbrauch wertvoller Ressourcen spielt. Diese Zahlen kommen in den offiziellen Klimastatistiken überhaupt nicht vor. Sie werden verschwiegen. Andres hat intensiv recherchiert und zeigt auf, wie viele Ressourcen das Militär weltweit verbraucht, aber auch, wie in Kriegen die Umwelt zerstört wird. In der Ukraine beispielsweise werden auf Jahre hinaus die Äcker nicht bestellt werden können, weil sie voller Glasfaserkabel sind, die von den Drohnen stammen. Sie hinterlassen hochgiftiges Mikroplastik. Es wird Hunderte von Jahren dauern, um das alles aufzuräumen.
Das Referat von Franz Segbers auf dem Studientag im November macht in erschreckender Weise deutlich, in welcher Zeit wir leben, und auf welche Probleme wir zusteuern, wenn die geplante Hochrüstung umgesetzt wird. „Kanonen statt Brot“ lautet die Überschrift und macht deutlich, dass in der nächsten Zeit überall gespart werden wird, besonders im sozialen Bereich, um die wahnwitzige Quote von 5% des Bruttosozialprodukts bei den Rüstungsausgaben zu erreichen. Fünf Prozent klingt bescheiden, es handelt sich aber Stand heute um eine Summe von 225 Milliarden Euro, das wäre fast die Hälfte des Bundeshaushaltes, die jährlich für Rüstung ausgegeben werden soll.
Und die aktuelle Studie von Greenpeace über einen Vergleich der Rüstung in Europa und in Russland zeigt deutlich auf, dass Europa heute schon Russland bei weitem in allen Waffensystemen überlegen ist, noch ohne die wahnsinnigen Aufrüstungsprogramme in allen Ländern Europas. Wo bleibt angesichts dieser Pläne der Aufschrei der Kirchen?
Er bleibt aus, stattdessen legitimiert die neue Friedensdenkschrift die Aufrüstung der Bundeswehr. Sie spricht zwar in euphemistischen Worten von „rechtserhaltender Gewalt“ und legt dem Einsatz von Militär die strengen Regeln aus der Lehre vom gerechten Krieg an, aber sie rechtfertigt den vorherrschenden Kurs der Regierung und erntete dann auch bei der Vorstellung der Denkschrift Applaus von Außenminister Wadephul.
Das Entsetzen bei den Pazifistinnen und Pazifisten in der evangelischen Kirche ist groß. Die Schrift hat zu verschiedenen Gegendenkschriften und guten Stellungnahmen geführt. Die prominenteste darunter ist eine ökumenische Friedensschrift, bei der auch Mitglieder des FFE beteiligt waren (Ralf Becker, Karen Hinrichs, Heinrich Schäfer, Theodor Ziegler: Wer Frieden will, muss mit dem Feind reden. Eine ökumenische Friedensschrift, edition pace, 2026). Diese Schrift stellt eine klare Alternative auf der Basis der Bergpredigt vor, wendet das friedenswissenschaftliche Konzept der Friedenslogik an und überträgt die friedensethischen Grundüberzeugungen auf den Ukrainekrieg. Sie kann im Buchhandel für 8.- € bestellt werden.
Die Ostermarschreden von Ulrich Duchrow und Ulrich Bausch nehmen zur aktuellen Weltlage fundiert Stellung und enthalten wertvolle Argumente für
alle, die den Kurs der Bundesregierung und den Kurs der EKD kritisieren wollen.
In eindrücklicher Weise schildert Wilhelm Wille in seinem Artikel das Verhältnis der EKD und der Ökumene. Bis in die allerjüngste Zeit gehen die deutschen Kirchen einen Sonderweg und konterkarieren Stellungnahmen des Ökumenischen Rates. Das ist für ökumenisch eingestellte Christen schwer erträglich. Das gilt auch für das Verhältnis zu Israel und Palästina, wo sich die EKD unsolidarisch gegenüber den Christen in Palästina zeigt und vor lauter Angst, antisemitisch zu sein, die furchtbaren genozidalen Zerstörungen Israels im Gazastreifen nicht benennt.
Der Artikel von Manfred Jeub „Die Evangelische Kirche und der Genozid in Gaza“ zeichnet das moralische Desaster der Evangelischen Amtskirchen im Verlauf der Gazakriegsjahre nach. Der Artikel von Katja Buck gibt die Stimmen der palästinensischen Christen wieder, die zutiefst erschüttert sind, wie wenig das Leid der Menschen in Gaza und Israel von den deutschen Kirchen wahrgenommen wird. Fadi Diab, anglikanischer Priester in Ramallah: „Es verletzt uns zutiefst, dass unser Leid und all die Ungerechtigkeit, die wir erleben, nicht einmal von unseren Partnern in ihren Ländern öffentlich angeprangert wird.“
Zum Thema gehört auch die Buchrezension von Manfred Jeub zu einem Buch von Fabian Goldmann Staats(räson)funk: Deutsche Medien und der Genozid in Gaza. Goldmann hat sorgfältig recherchiert, wie über Israel und Palästina in den deutschen Medien gesprochen und geschrieben wird und welche Ungleichgewichte und Verzerrungen da vorherrschen.
Geradezu wohltuend ist auch für uns Evangelische der Auszug aus der neuesten Enzyklika des Papstes. Er hat zwar vor allem die KI zum Thema, aber geht auch auf spezifische friedensethische Themen ein. Seine
Kritik am militärisch-industriellen Komplex liest man in keiner evangelischen Denkschrift.
Zuvorderst im Rundbrief ist die Einladung zum nächsten Studientag im November enthalten. Er findet am Samstag, den 7. November 2026 ganztags in Karlsruhe statt. Das große Thema lautet Widerstehen für eine überlebensfähige Welt.
Die renommierte Rechtswissenschaftlerin Prof. Dr. Ninon Colneric wird in ihrem Vortrag die Nahostpolitik des Westens in Bezug auf das Völkerrecht und die Demokratie in den Blick nehmen und Andreas Zumach spricht über Wege zu einer dekolonialen multipolaren Welt.
Auch die badische Landeskirche nimmt den Faden des friedensethischen Diskurses mit einem großen Studientag Friedensarbeit auf, der am 11. Juli in Karlsruhe stattfindet. Mit diesem Studientag stellt sich der neue Friedensbeauftragte der ekiba, Prof. Stephen Lakkis, vor und wird in sein Amt eingeführt. Zahlreiche Workshops nehmen die drängenden Fragen von Krieg und Frieden auf. Ein Gast aus der UCC wird über den Widerstand der US-Kirchen gegen die Politik Trumps berichten. Für mich spannend ist die Frage, ob an diesem Studientag Akzente gesetzt werden, die sich von den Grundaussagen der Denkschrift der EKD wesentlich unterscheiden.
Das Forum Friedensethik wird die Weltpolitik und die kirchlichen Stellungnahmen auch weiterhin kritisch kommentieren. Dazu laden auch unsere Webseite und der regelmäßig erscheinende Newsletter ein.
Mit pazifistischen Grüßen
Dietrich Becker-Hinrichs
Inhalt
| Editorial von Dietrich Becker-Hinrichs | 1 |
| Einladung zum FFE-Studientag am 7. November 2026: Widerstehen für eine überlebensfähige Welt | 4 |
| Dokumentation des FFE-Studientages „Bombenwetter und soziale Kälte“ am 8. November 2025 in Karlsruhe | 5 |
| 1. Begrüßung und Einführung von Manfred Jeub | 5 |
| 2. Klimakiller Militär Transskript des aufgezeichneten Vortrags von Jacqueline Andres (IMI Tübingen) | 6 |
| 3. Kanonen statt Brot? Vortrag von Prof. Dr. Franz Segbers | 12 |
| 4. Ökumene und die deutschen Kirchen Gesprächsimpuls im Workshop von Dr. Wilhelm Wille | 19 |
| Ostermarsch 2026 – Schostakowitsch, Habermas und Putin – Warum Geschichtsvergessenheit tödlich sein kann. Rede von Dr. Ulrich Bausch am 4. April 2026 in Alpirsbach | 23 |
| Ostermarsch 2026 Rede von Ulrich Duchrow am 4.4.2026 in Heidelberg | 25 |
| Die Evangelische Kirche in Deutschland und der Genozid in Gaza – Protokoll eines moralischen Desasters von Manfred Jeub | 27 |
| Heftige Vorwürfe an die Glaubensgeschwister von Katja Dorothea Buck (erstveröffentlicht am 21. Mai 2026 in der Internetzeitschrift welt-sichten) | 30 |
| Friedensethische und friedenstheologische Themen in der Enzyklika Magnifica Humanitas Auszüge aus dem Essay von Stefan Silber, 27. Mai 2026 | 32 |
| Zwei Buchempfehlungen | 33 |
| 1. Fabian Goldmann, Staats(räson)funk. Deutsche Medien und der Genozid in Gaza von Manfred Jeub | 33 |
| 2. Ralf Becker, Karen Hinrichs, Heinrich Schäfer, Theodor Ziegler, Wer Frieden will, muss mit dem Feind reden. Eine ökumenische Friedensschrift von Dietrich Becker-Hinrichs | 34 |
| Veranstaltungshinweis: Studientag Friedensarbeit | 36 |
| Impressum | 36 |
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