Flächendeckend tendenziös

Buchbesprechung

Eine Buchrezension von Manfred Jeub

Ich hatte das 400-Seiten-Buch „Staatsräsonfunk. Deutsche Medien und der Genozid in Gaza“ von Fabian Goldmann gerade zuende gelesen, da stellte am 21.4. Julia Duchrow den Jahresbericht 2025/26 von Amnesty International vor. In den 20-Uhr-Nachrichten der Tagesschau  kam ein Bericht darüber. Der Beitrag beginnt bebildert mit den Menschenrechtsverletzungen im Iran, geht auf die Vorwürfe gegen Donald Trumps Politik ein, um sich dann erneut den Menschenrechtsverletzungen im Iran zuzuwenden und schließt mit Amnestys Aufruf an die deutsche Politik, auch Partnerländer zu kritisieren. Was die Generalsekretärin von AI Deutschland akzentuiert an die eigene Adresse gerichtet hatte, fehlt in Deutschlands reichweitenstärksten Nachrichten völlig. Sie sagte: „In Gaza geht der Genozid Israels auch nach dem Waffenstillstand von Oktober 2025 weiter“, weshalb Amnesty die Bundesregierung zur Aussetzung des EU-Assoziierungsabkommens mit Israel auffordere. Schlagend bestätigte sich mir, was Goldmann in seiner empirischen Untersuchung nachgewiesen hatte: die proisraelisch gefilterten deutschen Nachrichten.

Fabian Goldmann, selbst ein erfahrener Journalist, hat eine gründliche Inhaltsanalyse der deutschen Nahost-Berichterstattung vom 7. Oktober 2023 bis zum 19. Januar 2025 vorgenommen, punktuell auch darüber hinaus bis zum 10. Oktober 2025. Untersucht wurden über 11.000 Beiträge in fünf Medien mit besonders starkem Einfluss und unterschiedlicher politischer Ausrichtung, nämlich BILD, DER SPIEGEL, taz, DIE ZEITund die ARD-Tagesschau. Die Auswertung erfolgte als quantitative wie auch qualitative Analyse.

Die Ergebnisse zeigten eine krasse proisraelische Einseitigkeit in allen Medien. Eine kleine Auswahl:  In den 20-Uhr-Nachrichten der „Tagesschau“ kamen im 15-monatigen Untersuchungszeitraum 136-mal israelische Politiker und Militärs zu Wort, aber nur viermal palästinensische Repräsentanten. In deutschen Tages- und Wochenzeitungen wurde Israels Botschafter in Deutschland 17-mal so oft zitiert wie sein palästinensischer Kollege. Die Berichterstattung ist von israelischen Quellen und deren Narrativ dominiert: In die Schlagzeilen von BILD, Spiegel, „Tagesschau“ und Zeit schafften es Angaben der israelischen Armee und der israelischen Regierung etwa doppelt so oft wie alle palästinensischen, libanesischen Quellen sowie UN- und Menschenrechtsorganisationen zusammen.

In der BILD-Zeitung standen 119 Geschichten über israelische Einzelschicksale einer einzigen Geschichte über ein palästinensisches Opfer, das Ziel israelischer Gewalt wurde, gegenüber. Aber auch Tagesschau, DER SPIEGEL, DIE ZEIT und taz zeigten die Schieflage, israelischen Opfern ein menschliches Gesicht zu geben und palästinensische als anonyme Zahlen zu behandeln.

Goldmann beschäftigt sich auch eingehend mit dem „wording“, der suggestiven Wortwahl. Auch hier ein klares Bild, was die Zuordnung von „Angriff“ und „Reaktion“, von „Massaker“ und „begrenzter Operation“, „brutal“ und „chirurgisch“ etc. angeht. Ein Glossar listet es auf.

Gerade dadurch, dass Goldmann durchgehend an den journalistischen Standards und eigenen Ansprüchen wie Ausgewogenheit, Perspektivenvielfalt, Recherche und Quellenprüfung misst, ergibt sich ein bestürzendes Bild des deutschen Nahost-Journalismus. Die Palette reicht von der Kolportage klar widerlegter Propagandabehauptungen über die gezielte Auslassung unliebsamer Fakten, die in der Auslandpresse Schlagzeilen machten, bis zur manipulativen Sprache.

Das Schlusskapitel widmet sich der Frage, wie es zu einem journalistischen Versagen dieses Ausmaßes kommen kann. Im Jahr 2022, als die deutsche Presselandschaft in Bezug auf den Ukrainekrieg ähnlich gleichgeschaltet wirkte, war derselben Frage schon einmal ein Buch nachgegangen: „Die vierte Gewalt. Wie Mehrheitsmeinung gemacht wird, auch wenn sie keine ist“ von Harald Welzer und Richard David Precht. Das Werk der beiden prominenten Autoren konnte allerdings im renommierten S. Fischer Verlag erscheinen und wurde ein Bestseller. In der Analyse der Missstände im deutschen Pressewesen gibt es etliche Übereinstimmungen, was den systemischen Charakter angeht, der zu Konformität und Selbstzensur führt, aber auch spezifische Unterschiede.

Wozu ist das Buch gut? Wer sich länger und eingehend mit dem Thema Israel-Palästina beschäftigt hat, dem sind Einseitigkeit und Verzerrungen schon öfter unangenehm aufgestoßen. Er/sie kann sich hier erstens überzeugen, dass er/sie keiner Täuschung erliegt, wird zweitens aber über die Breite und den systematischen Charakter staunen. Mehr noch ist das Buch für den fälligen Meinungsstreit gedacht, denn ganz am Schluss sind die Ergebnisse als komprimierte Argumente angeboten unter der Überschrift „99 Takeaways über deutsche Medien und den Genozid in Gaza“.

Manfred Jeub, Freiburg

NACHTRAG vom 30. April: Heute ist der Bericht von Reporter ohne Grenzen über die Situation der Pressefreiheit weltweit herausgekommen. Deutschland rutscht im Länderranking um weitere drei Plätze auf Rang 14 ab (Prädikat gut nur bis Platz 7). Ein Grund dafür ist Druck beim Thema Israel-Palästina. Im Deutschland-Bericht „Nahaufnahme“ ist dem das ganze Kapitel 2 gewidmet.

Fabian Goldmann: Staats(Räson)funk. Deutsche Medien und der Genozid in Gaza. Berlin 2026, Manifest Verlag, Taschenbuch, 407 Seiten, ISBN 978-3961561452, Preis: 22 Euro.

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