Zur „Friedens“denkschrift der EKD

Auf der EKD-Synode am 10. November 2025 wurde die Denkschrift „Welt in Unordnung – Gerechter Friede im Blick. Evangelische Friedensethik angesichts neuer Herausforderungen“ präsentiert. LINK  Eigentlich könnten sich friedensengagierte Menschen die Mühe argumentativer Auseinandersetzung mit dieser neuen 147 Seiten umfassenden „Friedens“denkschrift sparen, denn sie stellt im Kern nichts anderes dar als die Rückkehr zu längst ausdiskutierten, überwunden geglaubten Denkmustern. Alter Wein, die antike Lehre vom gerechten Krieg, wird in neue Schläuche gefüllt: Exakt dieselbe Kriegslegitimation firmiert jetzt unter dem smarten Label „Schutz vor Gewalt“ (mit Gewalt!). Fest stand dies Ergebnis schon, als die kirchlichen Führungsetagen unter dem Eindruck der politischen „Zeitenwende“ eine Revision der Friedensdenkschrift von 2007 verordneten. Man wollte nicht als gestrig erscheinen. Und man wollte vor allem keinen Dissens mit dem Staat.  

Unübersehbar zum Ausdruck brachte das die Feierstunde am 13. 11. in der Evangelischen Akademie zu Berlin, als sich die EKD für ihr Werk den Ritterschlag von Bundesaußenminister Wadephul holte. Beim anschließenden Podiumsgespräch LINK fragte sich eingangs der Philosophieprofessor Olaf L. Müller laut, ob er wohl als Alibipazifist dasäße – was sich im weiteren Verlauf bestätigte –, und womöglich als Alibi-Atheist. In der Tat war es äußerst merkwürdig, dass die EKD keinen pazifistisch orientierten Theologen geladen hatte, der zum theologischen Teil der Denkschrift etwas hätte sagen können. So blieb es dem in der Tradition von Bertrand Russell stehenden Müller vorbehalten, in der à la Markus Lanz politisierenden Runde auf konkrete denkerische Schwächen der Denkschrift hinzuweisen, was er brillant erledigte. Den pikanten Höhepunkt erreichte der Talk, als die NATO-Direktorin Gerlinde Niehus anerkennend bemerkte, für sie habe sich die Denkschrift gelesen wie ein NATO-Papier, ein Kompliment, auf das die Ratsvorsitzende Fehrs wohl gerne verzichtet hätte.

Auf dieser Website sind erste Reaktionen auf die Denkschrift wiedergegeben LINK  – inzwischen liegen zahlreiche kritische Stellungnahmen und Analysen vor. Sie sind lesenswert, weil sie die Stärke der friedenslogischen und pazifistischen Position zeigen; ändern werden sie nichts an einem Papier, auf das die nächsten Jahre bis Jahrzehnte geklopft werden wird als die evangelische Position. Im Folgenden eine Auswahl ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Gleich am Tag ihrer Veröffentlichung äußerte sich die amtskirchennahe AGDF, eine Dachorganisation verschiedener international arbeitender Friedensdienste, kritisch. LINK Die Stellungnahme geht, teils mit Konzessionen, in sechs Seiten auf die Windungen der Denkschrift ein, was sie nicht gerade leserfreundlich macht. Naturgemäß liegt ihr Akzent auf der dort erfolgten Missachtung ziviler Konfliktbearbeitung, für die die AGDF steht. Eine Stärke hat sie bei der theologischen Gegenargumentation, insofern sie nicht nur die Gewaltlosigkeitspredigt Jesu ins Feld führt, sondern auch an der prophetischen Tradition des Alten Testaments das Unbiblische der EKD-Schrift aufweist.

Die Initiative Christlicher Friedensruf, in Württemberg entstanden und Organisatorin des friedensethischen ‚Gegenkirchentags‘, äußert mit ihrer Erwiderung „Gerät der Friede aus dem Blick?“ dezidierte Kritik und entwickelt dabei eigene konkrete Handlungsoptionen. LINK Sie deckt auch die doppelten Standards auf, mit denen die EKD Ukraine- und Gazakrieg behandelt.

Eine spezifische Kritik kam vomModerator des Reformierten Bundes in Deutschland, Bernd Becker, der das reformierte „Nein ohne jedes Ja“ zu Atomwaffen aufgekündigt sah.  LINK Ausführlicher entfaltet findet sich die Kritik an der Positionsänderung zu den Atomwaffen in der Erklärung von ICAN DEUTSCHLANDEthische Lücken, sicherheitspolitische Mängel“. LINK

Der Tübinger Theologe Dr. Markus Weingart formuliert in 13 klaren Thesen seine kritischen Anmerkungen, deren bittere Quintessenz lautet: „Wenn Kirche in diesen Zeiten, in einer „Welt in Unordnung, nicht anderes, nicht mehr zu sagen hat, als diese Denkschrift, dann hat sie nichts mehr zu sagen.LINK

Die Rezension von Dr. Uwe-Karsten Plisch‚Kriegsdienst ist Nächstenliebe‘. Die EKD verabschiedet sich aus dem friedensethischen Diskurs“ arbeitet mit polemischer Zuspitzung die sprachlichen Finten des EKD-Papiers heraus. LINK   

Nicht zum ersten Mal erstaunt Jakob Augstein mit profunder Kenntnis kirchlicher und theologischer Themen. Eingeladen als Referent auf dem Empfang des Evangelischen Kirchenkreises Duisburg zum Beginn des neuen Kirchenjahres, stellte er am 28.11.2025 seine vehemente Kritik an der Denkschrift in den weiteren Rahmen des Verhältnisses von Kirche und Politik – sehr lesenswert!  LINK

Der Leipziger Theologe und Psychologe Stefan Seidel fragt im lesenswerten Essay „Zeitenwende statt Entfeindung“ in zeitzeichen nach dem Grundfehler der Denkschrift LINK

Ebenfalls in zeitzeichen macht unter dem Titel „Illusionäre Formel“ Dr. Hans-Jochen Luhmann, Mathematiker, Philosoph und Mitglied im Vorstand der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler, einen Grundirrtum in der Denkschrift aus. Beachtlich! LINK